Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie

hg. von Dr. Anton Holzer

Bücher, kurz vorgestellt

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 147, 2018

Hansdieter Erbsmehl: „Habt Ihr noch eine Photographie von mir?“ Friedrich Nietzsche in seinen fotografischen Bildnissen, Wiesbaden: Verlagshaus Römerweg, 2017, Schriften zum Nietzsche-Archiv. Forschungen, Editionen, Dokumente, hg. von Bernhard Fischer und Thomas Föhl, 224 S., 22,5 x 15 cm, zahlreiche Abb. in Farbe und S/W, gebunden mit Schutzumschlag, 36 Euro

Bereits als Schüler besaß Friedrich Nietzsche eine Camera obscura. Er interessierte sich für die chemischen Wirkungen des Lichts, nutzte die Fotografie aber auch wie viele seiner Zeitgenossen im privaten Leben. Darüber hinaus äußerte er sich auch theoretisch zum Medium Fotografie. Porträtbildnisse des Philosophen erfreuen sich bis heute großer Beliebtheit, auch im Internet. Eine umfassende und fundierte Analyse und Einordnung der originalen Nietzsche-Fotografen stand bisher aus. Der Kunsthistoriker und Nietzsche-Spezialist Hansdieter Erbsmehl legt nun – nach jahrelanger Vorarbeit und unterstützt durch zahlreiche Nietzsche-Forscher – eine beeindruckende Studie vor. Er untersucht einen Korpus von knapp 50 Einzelbildern, die zwischen 1861 und 1882 entstanden sind. Achtzehnmal, rechnet der Autor vor, habe Nietzsche in dieser Zeit ein Fotostudio aufgesucht. Er analysiert die Rolle und die Bedeutung der Fotografen, die Anzahl und die Aufbewahrungsorte der Erstabzüge sowie ihre Überlieferungsgeschichte. Der Band bringt also erstmals wissenschaftliche Klarheit in die fotografische Bildwelt Nietzsches. Das besondere Verdienst dieses Werkes liegt aber auch darin, dass nicht nur archivalische Zusammenhänge sorgfältig geklärt werden, sondern dass auch die Entstehungs- und frühe Verwendungsgeschichte der Bilder umfassend rekonstruiert wird. Dem Autor gelingt es durch präzises Quellenstudium (insbesondere der Briefe Nietzsches), die überlieferten Fotografien in den biografischen und beruflichen Kontext des Protagonisten einzuordnen. Das Ergebnis ist ein wichtiger Beitrag zu einer medienhistorisch orientierten Kulturwissenschaft.

Reinhard Matz: Fotografien verstehen, hg. von Bernd Stiegler, Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König, 2017, 256 S., 21 x 14,5 cm, zahlreiche Abb. in S/W, kartoniert, 16,80 Euro

Die Disziplin der Fotografiegeschichte und -theorie verdankt – insbesondere im deutschen Sprachraum, wo die universitäre Verankerung des Faches bis heute überaus schwach ist – eigensinnigen Quereinsteigern viele wichtige Impulse. Mit Quereinsteigern sind Menschen gemeint, die beruflich keine klassische Unikarriere verfolgten. Dazu gehören Fotospezialisten, die in Sammlungen und Archiven arbeiten ebenso wie Publizisten und Journalisten, aber auch Fotosammler. Einer der eigensinnigsten (im besten Sinne des Wortes) und theoretisch originellsten Impulsgeber in Sachen Fotogeschichte ist der in Köln lebende Reinhard Matz (geb. 1952). Er ist ausgebildeter Fotograf, wandte sich dann universitären Studien zu (Philosophie, Germanistik, Medienwissenschaft) und studierte schließlich noch künstlerische Fotografie in Berlin und Köln. Als Fotograf wurde er schon in jungen Jahren bekannt, etwa mit dem legendären Band Unsere Landschaften (1980). Aber auch als Fotopublizist und Fototheoretiker fand er Anerkennung, da er, parallel zu seiner fotografischen Arbeit seit über drei Jahrzehnten viele fundierte Aufsätze und Beiträge in Zeitschriften (u.a. in Fotogeschichte, erstmals 1983, Fotokritik, European Photography, Photonews u. a.) und Büchern publizierte. Seine bevorzugten Themen sind die Industrie-, Landschafts- und Industriefotografie, aber auch dem Porträt und fototheoretischen Überlegungen galt seine Aufmerksamkeit. In all diesen Jahren ist ein weit verstreutes Archiv von Texten entstanden, die sich durch Originalität, ein hohes Maß an kritischer Reflexion und das konsequente Hinterfragen von mainstream-Positionen in der Fotografie auszeichnen. Der von Bernd Stiegler herausgegebene Band Fotografien verstehen macht nun dieses wichtige fotogeschichtliche Œuvre einem breiten Publikum zugänglich. Eine ausführliche Rezension des Bandes folgt.

New Realities. Photography in the 19th Century, hg. von Mattie Boom und Hans Rooseboom, Amsterdam: Rijks Museum, 2017, 336 S., 29 x 23 cm, zahlreiche Abb. in Farbe und S/W, gebunden, 37,40 Euro

Es ist erstaunlich, dass ein Museum, das erst Mitte der 1990er Jahre (1994) systematisch begann, eine Fotosammlung aufzubauen, innerhalb von zwei Jahrzehnten imstande war, eine umfassende, repräsentative und international orientierte Kollektion zusammenzustellen, die internationale Vergleiche nicht zu scheuen braucht. Die Rede ist vom Rijks Museum in Amsterdam, das nach langer Schließ- und Umbauzeit 2013 wiederöffnet wurde. Nach der Anlieferung der ersten großen Fotobestände ans Museum wurde 1996 in der Ausstellung „A New Art. Photography in the 19th Century“ ein erster Überblick über die Fotografie des 19. Jahrhunderts geboten. Knapp 20 Jahre später wirft das Museum aus eigenen Beständen neuerlich einen Blick auf die frühe Fotografie, die nach wie vor den Schwerpunkt der Sammlung bildet, aber seit 2005 auch um einen Schwerpunkt 20. Jahrhunderts ergänzt wurde. Die beiden leitenden Fotokuratoren des Museums, Mattie Boom und Hans Rooseboom, die in den letzten Jahren die Ankäufe und die Erforschung von zehntausenden Werken verantworteten, haben nun eine Zusammenschau „ihrer“ Werke in Form einer wegweisenden Ausstellung und eines wunderbaren Katalogs zusammengestellt. Ganz auf der Höhe der Zeit und der Forschung, weist der ausgezeichnet gedruckte und gestaltete Katalog nicht nur einen Weg durch die Sammlung, sondern führt selbstbewusst und anhand zahlreicher Inkunabeln der Fotografie auch in abwechslungsreichen, klug kommentierten Kapiteln durch die Fotografiegeschichte bis zur Jahrhundertwende. Bemerkenswert ist, dass die thematischen Schwerpunkte nicht einer veralteten Sammlungslogik folgen, sondern den Fragen der Gegenwart: So finden wir Abschnitte über die Globalisierung, die Werbung, den Tod, aber auch über Fotobücher. Höchste Empfehlung: ein Band, der in jede gute Fotobibliothek gehört!

Schweizer Pressefotografie. Einblick in die Archive, hg. vom Netzwerk Pressebildarchive, Zürich: Limmat Verlag, 2016, 236 S., 27 x 21 cm, zahlreiche Abb. in Farbe und S/W, kartoniert, 64 Euro

„Bildermassen: ein Pressebild kommt selten allein“ lautet eines der Kapitel in diesem Band. Eine Tabelle am Ende dieser Publikation untermauert diese Tatsache in Zahlen, dadurch dass sie die wichtigsten Pressebildbestände der Schweiz, ihre zeitlichen Schwerpunkte, ihre derzeitigen Inhaber sowie ihren ungefähren Umfang auflistet: mehrere Millionen Fotos umfasst allein diese gewiss unvollständige Aufstellung. Seit um die Wende zum 21. Jahrhundert die digitale Fotografie, v.a. aber neue Instrumentarien der Online-Vermarktung analoge Fotoarchive zum Klotz am Bein großer und kleiner Medienkonzerne werden ließen, hat sich der Trend, Pressebilder in (meist) öffentlichen Fotoarchiven unterzubringen, deutlich verstärkt. Während in Deutschland und Österreich wenig Wissen über historische Pressebildarchive, ihre Schwerpunkte, die Orte ihrer Aufbewahrung und ihre Erforschung vorhanden ist, ist die Situation in der Schweiz erfreulicher. Es ist dem 2010 gegründeten Netzwerk Pressebildarchive zu danken, dass die wichtigsten Schweizer Archive, Bibliotheken und Museen inzwischen einen regen Informationsaustauch unterhalten. Der vorliegende Band ist ein sichtbares Zeichen dafür. Er skizziert archivübergreifend die Entwicklung der Pressefotografie in der Schweiz skizziert (Gianni Haver), beleuchtet ihre medienökonomischen Strukturen (Mirco Melone, Nora Mathys, Ricabeth Steiger, Thomas Bochet, Jochen Hesse, Alex Anderfuhren u.a.) und stellt ausschnitthaft einzelne Bestände vor. Er beschäftigt sich aber auch mit methodischen und konservatorischen Fragen der Forschung sowie mit urheberrechtlichen Fragen. Die Publikation, die mit finanzieller Unterstützung von Memoriav, eines rührigen Schweizer Kompetenznetzwerks zur Erhaltung audiovisueller Archive entstanden ist, kann durchaus als Vorbild für künftige deutsche und österreichische Bemühungen gelten.

Ralf Stremmel: Industrie und Fotografie. Der „Bochumer Verein für Bergbau und Gussfabrikation“, 1854–1926, Münster: Aschendorff Verlag, 2017, 248 S., 32 x 24,5 cm, zahlreiche  Abb. in Duotone, gebunden mit Schutzumschlag, 29,95 Euro

Als im Jahr 1994 die von Klaus Tenfelde  herausgegebene materialreiche und sozialgeschichtlich breit angelegte Pionierstudie von Klaus Tenfelde Bilder von Krupp. Fotografie und Geschichte im Industriezeitalter im Münchner Verlag C.H. Beck erschien, markierte dies einen Wendepunkt der Forschungen zur Industriefotografie. Der renommierte Sozialhistoriker erschloss nicht nur seiner eigenen Disziplin, der Geschichtswissenschaft, ein altes neues Medium: die Fotografie. Bisher hatte sich die herkömmliche Geschichtswissenschaft von dieser Quellenart auffallend fern gehalten. Tenfelde thematisierte aus linker Perspektive am Beispiel Krupp aber auch ein Herrschaftsmedium, das sich voll in den Dienst der Repräsentations- und Propagandaabsichten des Stahlkonzerns stellte. Zwar erschien Tenfeldes Band 2000 in einer (nach wie vor lieferbaren) Neuauflage und kam 2005 auch in einer englischen Übersetzung des Werkes heraus, aber die Beschäftigung mit der Industriefotografie stagnierte seither. Umso erfreulicher ist es, wenn nun Ralf Stremmel, der Leiter des Historischen Archivs Krupp in Essen nun neuerlich einen Versuch macht, Licht in eine ausgewähltes Kapitel der Industriefotografie zu bringen. Der sorgefältig aufgemachte und gestaltete Band stellt die 125.000 Fotografien umfassende Sammlung des „Bochumer Vereins für Bergbau und Gussfabrikation“ vor, eines ehemals sehr großen deutschen Industrieunternehmens. Heute befindet sich die Fotosammlung im Historischen Archiv Krupp. Der Autor gibt Hinweise zur Geschichte des Unternehmens, er ordnet die Fotos und ihre zeitgenössischen Verwendung kenntnisreich ein, in mehreren thematischen Bildblöcken wird das Fotomaterial selbst ausführlich vorgestellt. Und dennoch: Aus fotohistorischer Sicht bleibt der Band hinter den Möglichkeiten zurück. Die Ausführungen des Autors sind im Wesentlichen beschreibend, methodisch bewegt er sich auf ausgetreten Pfaden der Geschichtswissenschaft.

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