Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie

hg. von Dr. Anton Holzer

Cornelia Brink, Harriet Falkenhagen

Editorial Heft 95 (2005): Zeigen Fotografien Geschichte"

Erschienen in Fotogeschichte 95, 2005

"Zeigen Fotografien Geschichte"" fragte im Sommersemester 2004 eine Vortragsreihe des Studium generale der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Dem Publikum aus Universität und Stadt sollten aktuelle Forschungen zur Fotogeschichte präsentiert werden. Da diese bekanntlich nicht an eine bestimmte Disziplin gebunden ist, gehörten Wissenschaftler/innen aus Geschichte, Volkskunde, Kultur-, Literatur- und Wissenschaftsgeschichte zu den Vortragenden; mit einem Publizisten, einer Archivarin und einer Fotografin kamen außerdem Vertreter aus der Praxis zu Wort.

Vier dieser Vorträge werden in diesem Themenheft nun einem größeren Publikum vorgestellt. [1] Alle eint die Absicht, Fotogeschichte als Geschichte der Gebrauchsweisen von Fotografien zu schreiben. Nicht um die "Wahrheit" fotografischer Repräsentationen geht es ihnen, sondern um deren Wirkungen. Damit verzichten sie zugleich darauf, der Fotografie eine, vom jeweiligen Einsatz in kulturellen, politischen und institutionellen Kontexten unabhängige, Eigenart zuzuschreiben.

Bernd Stiegler, Literaturwissenschaftler und Wissenschaftslektor, stellt fototheoretische Versionen der Geschichtshaltigkeit von Fotografien vor. Den Ansätzen von Walter Benjamin, Roland Barthes, Susan Sontag und Michel Foucault stellt er sein Konzept des "bildgewordenen Blicks auf die Geschichte" gegenüber. Der Kulturwissenschaftler und Publizist Tom Holert geht den Entstehungsbedingungen von sogenannten "photo-ops", günstigen Gelegenheiten für medienwirksame Fotos, nach und analysiert ihren Inszenierungscharakter: Wie exakt kann das mediale Bild der Politik konstruiert werden, wie steuerbar sind seine Rezeptionsweisen" Auf Wirkungen von Fotografien aus der Zeit des Nationalsozialismus richten die Literaturwissenschaftlerin Marianne Hirsch gemeinsam mit dem Historiker Leo Spitzer und die Kulturwissenschaftlerin Cornelia Brink den Fokus. Cornelia Brink zeigt, welche Blicke das Fotoalbum zweier SS-Angehöriger 1964 während des Frankfurter Auschwitz-Prozesses getroffen haben. Marianne Hirsch und Leo Spitzer untersuchen das Privatfoto einer jüdischen Familie, Fotografien in literarischen Texten und künstlerisch bearbeitete Familienfotos, die als Medien der Erinnerung Jahrzehnte nach ihrer Entstehung ein weites Feld der Sichtbarkeit eröffnen und die vertrauten Kategorien von "privater" und "öffentlicher" Fotografie ins Rutschen geraten lassen können. Die Aufsätze zeigen, wie spannend es ist, die Frage, ob Fotografien Geschichte zeigen, entschieden um eine zweite zu erweitern: Was sehen wir, wenn wir Fotos betrachten" Denn was ein Foto abbildet, erschließt sich dem Betrachter keineswegs spontan, und nicht jeder, der ein Foto anschaut, sieht darauf dasselbe. Ihr Ziel hätte die Vortragsreihe erreicht, wenn sie den Blick auf Fotografien – aktuelle wie historische – schärfen konnte, auch und gerne um den Preis, dass bekannte Fotos dadurch, dass sie genauer betrachtet wurden, nun fremder geworden sind.

Zum Gelingen der Vortragsreihe haben verschiedene Mitveranstalter beigetragen. Für ihre Unterstützung gedankt sei an dieser Stelle dem Historischen Seminar und der Kunstwissenschaftlichen Gesellschaft der Universität Freiburg, dem Carl-Schurz-Haus/Deutsch-Amerikanischen Institut e.V., dem Fotomuseum Hirsmüller Markgrafenschloss Emmendingen und der Landestelle für Volkskunde in Freiburg. Ihr spontanes Interesse und Engagement haben uns bestätigt, dass die Fragen an das Medium nicht nur Fotohistoriker/innen umtreiben.


[1] Der Vortrag von Peter Geimer (Das Bild als Spur. Eine Wahrheitssuche auf 50 x 60 cm) wurde bereits an anderer Stelle veröffentlicht. Die Beiträge von Anton Holzer (Störrische Bilder. Zum Umgang mit Fotographien aus dem Ersten Weltkrieg) und Esther Baur (200 Jahre Photographien aus Basel. Ein Ausstellungsprojekt) sind noch in Arbeit. Fotografien von Ramuné Pigagaité, die über ihren Fotozyklus "Menschen meiner Stadt" gesprochen hat (Menschen aus der vergessenen Zeit. Portrait einer Kindheit) wurden in Heft 92 (Juni 2004) der Zeitschrift Fotogeschichte veröffentlicht.

 

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