Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie

hg. von Dr. Anton Holzer

Anton Holzer

Editorial, Heft 105, 2007: Glänzende Geschäfte. Fotografie und Geld

Erschienen in: Fotogeschichte Heft 105, 2007

1929 (wenige Tage nach dem New Yorker Börsenkrach) wurde das Museum of Modern Art (MOMA) in New York gegründet. Bald schon begann das Museum, Fotografie zu sammeln und auszustellen. Die erste Schau fand 1932 statt, 1937 organisierte Beaumont Newhall unter dem Titel "Photography 1839 – 1937" eine Überblicksausstellung über die ersten hundert Jahre Fotografiegeschichte. Diese Aufbruchsstimmung wird oft als Null- und Wendepunkt in der Kunstgeschichte der Fotografie beschrieben. Die Fotografie, so wird betont, habe nun endlich die Räume der modernen Kunst betreten.

Das alles ist mehr oder weniger bekannt. Weniger bekannt freilich ist, dass die zentrale Figur hinter der Fotosammlung des Museums of Modern Art nicht Newhall war, sondern ein gewisser David Hunter McAlpine, ein steinreicher Börsenmakler und Kunstsammler, der sich das Jahr 1930 für Fotografie zu interessieren begann. Er unterhielt enge Kontakte zur Rockefeller-Familie, die das Geld für das Museum zur Verfügung gestellt hatte. Von ihm stammte das Geld, mit dem das MOMA seine Fotoankäufe finanzierte.

Die Fotografie hatte die Bühne der Kunst als geschäftliche Investition betreten. In einer Zeit unruhiger wirtschaftlicher Verhältnisse nutzte eine neue Sammlergeneration – auch Newhall war Sammler – die Institution Museum als eine Art Durchlauferhitzer, um bislang recht billige Fotografie in teure, wertbeständige Kunst zu verwandeln. Die neue Kunstgeschichte der Fotografie, wie sie etwa Newhall entwickelte, trug dazu bei, das Rohmaterial Fotografie künstlerisch zu veredeln, das heißt: seine symbolischen und monetären (Mehr-)Werte zu ermitteln. Sie trennte "Seltenes" (und Teures) von "Massenhaftem" (und Billigem), sie unterschied "Echtes" (sog. "Vintage Prints") von angeblich "Unechtem" (massenmediale Reproduktionen, spätere Abzüge etc), sie zog Linien der Tradition und der Herkunft, sie etablierte Künstlerfiguren und "klassische" Werkkomplexe.

Dieses Programm war höchst erfolgreich. Heute ist Fotografie längst als Kunst etabliert. Und: mit Fotografie lässt sich inzwischen viel Geld verdienen. Die Auktionshäuser haben den Galerien den Rang abgelaufen, wenn es darum geht, die Preise in die Höhe zu treiben. Als am 15. Februar 2006 ein Abzug aus Robert Franks Serie "The Americans" (1955/1956) bei einer Sotheby"s-Auktion um 102.000 Dollar (knapp 78.000 Euro) den Besitzer wechselte, kommentierte Peter Galassi, der Chefkurator für Fotografie am MOMA, lakonisch: "Unerwartete Auktionsergebnisse sind nur eine der vielen Wege Gottes, unser Leben interessanter zu gestalten."

Das vorliegende Heft der Fotogeschichte blickt hinter die Kulissen des Geschäfts mit Fotografie. Es fragt danach, wann und wie Fotos zu Waren wurden, wer daran verdient(e) und wie die Ökonomie der Bilder funktioniert. Matthias Bruhn geht der Geschichte der Ware Bild in der Pressefotografie nach und Tom Holert beschäftigt sich in einer Nahaufnahme aus den 1950er Jahren mit dem Kreislauf des ökonomischen und sexuellen Begehrens, mit den Verbindungen zwischen Glamour, Ökonomie und Fotografie. Bernd Stiegler und Jens Schröter stellen in ihren Beiträgen die Begriffsgeschichte des Geldes und der Fotografie ins Zentrum ihrer Überlegungen und präsentieren einige Theoretiker, die sich mit der ökonomischen Seite der Fotografie oder mit der fotografischen Seite der Ökonomie beschäftigt haben (von Marx über Benjamin bis Sekula). Jori Finkels Essay fragt danach, welche Mechanismen im gegenwärtigen Fotokunstmarkt dazu führen, dass die Preise ständig steigen und die verkauften Auflagen immer kleiner werden. Zwei Bildbeiträge ergänzen das Heft. Der Schweizer Fotograf Daniel Schwartz beschäftigt sich in seinem Fotoessay "Wir sind das Geld" mit den kleinen Handhabungen des Geldes, zugleich sind in seinen Fotos aber auch die Zeichen der globalen Ökonomie zu erkennen. Die Berliner Künstler Uwe Jonas, Peter Kees und Hans Winkler nennen ihre augenzwinkernde, doppelbödige Intervention "Machen Sie mehr aus Ihrem Geld!"

Langjährige Leserinnen und Leser haben es längst bemerkt: die Zeitschrift Fotogeschichte hat ein neues Äußeres bekommen. Wir haben das Layout behutsam modernisiert. Es macht, so hoffen wir, die Zeitschrift übersichtlicher und attraktiver. Die Bilder erhalten künftig mehr Platz und Gewicht, die Texte werden in der neuen Gestaltung leichter lesbar. Sagen Sie uns, wenn Ihnen die neue Fotogeschichte gefällt, aber auch für Kritik sind wir offen.

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